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Vergangene Termine Ford Model A – Sommerfernfahrt 2021

Ford Model A – Sommerfernfahrt 2021

Die Ford Model A – Sommerfernfahrt 2021

Am Morgen des 21. Juni war es soweit: Einige Mitglieder der Ford Model A – IG machten sich aus allen Ecken des Landes auf, um eine Woche auf einem Gutshof an der Müritz zu verbringen. Solzow hieß das beschauliche Örtchen, zu dem unsere Reise führen sollte. Doch in dem Augenblick, in dem ich die Motorhaube meines Model A Coupes öffnete, um den Verteiler für die lange Fahrt zu ölen, war dieses Ziel noch weit entfernt.

Für die Fernfahrt’ler alljährliche Routine, für mich und meinen Beifahrer Paul – ebenfalls begeisterter Oldtimerbesitzer – die längste Strecke, die wir bisher im Coupé zurückgelegt hatten. So mischte sich in die Vorfreude verständlicherweise etwas Nervosität: Würde der Wagen den Dauertest bestehen? Falls nicht, was könnte kaputtgehen? Ein kaputtes Radlager könnte man vielleicht noch am Straßenrand wechseln – eine Kopfdichtung eher weniger. Am Besten gar nicht drüber nachdenken‘, dachte ich mir, steckte den Ratschenkasten und einen Satz Unterbrecherkontakte mit ins Gepäck und drückte dem Wagen die Daumen, während der Anlasser den Motor ins Leben holte.

Jetzt bloß nichts überstürzen, wir haben eine lange Tour vor uns, das Wichtigste ist erstmal, dass der Motor warm ist. Also ab auf die Autobahn – denn da war um die Uhrzeit sowieso Stau. Erstes Etappenziel war Meschede. Hier sollten wir auf ein paar andere IG-Mitgliedern aus dem Siegerland treffen. Kurz vor Hagen allerdings das erste Malheur: Plötzlich ein lauter Knall bei Vollgas! Endlose Sekunden vergingen im Schock, bis mir auffiel: Das Wischerblatt baumelte orientierungslos auf der Scheibe umher – bevor es abfiel und auf dem Tank zum Liegen kam. Rasch auf den Seitenstreifen, den Wischer eingesammelt, und weiter geht’s. War sowieso nur aufpreispflichtiges Extra.

Erstes Persönliches Treffen mit Alexander und Christoph samt Gattinnen und Autos in Meschede. Aber nicht zu lang, denn heute wollten wir es ja noch bis Einbeck schaffen – wenn möglich, im Hellen.

Also ab ins Auto, Sprit auf, Zündung an, Anlasser gedrückt… Und Rauch kräuselte aus dem Armaturenbrett. Das kann doch nicht sein!‘ dachte ich, ‚seit Monaten keine Pannen und jetzt gleich zwei am ersten Tag! Das schartige Deckblech hatte sich ins Kabel der Armaturenbeleuchtung gefressen und einen Kurzschluss provoziert. Gottlob hatte ich Ersatz-Sicherungen dabei. Praxisorientierter Behelf: Kabel abschneiden, ohne Lämpchen weiterfahren. Ein neues Kabel einzuziehen, hätte den zeitlichen Rahmen jetzt gesprengt. Dann konnte es auch endlich in Richtung Einbeck weiter gehen – ab jetzt freilich über Land.

In den letzten Ausläufern des Sauerlands konnte ich dann die Einwirkungen von Gusstrommeln und Hochkompressionskopf live miterleben – selbst Christophs schwerer Fordor zog mir bergab vor der Nase weg – und während ich bergab selbst mit im zweiten Gang schreiendem Motor noch die Bremsbeläge zu riechen bekam, sah ich Alexanders Bremsleuchten nur hier und da mal kurz aufflackern.

Mit jedem Kilometer, den wir näher an Einbeck waren, flachte die Landschaft zusehends ab, bis wir dann gegen 18 Uhr auch in besagter Stadt eintrafen.

Ein Abendessen im von allen Seiten empfohlenen „Brodhaus“ musste leider flachfallen – Montag ist Ruhetag. Aber beim Griechen war es auch nicht schlecht!

Während die einen im Hotel direkt am weitbekannten PS-Speicher nächtigten, zog es Paul und mich in die Innenstadt – durch Gässchen, die gerade breit genug für unseren blauen Wagen waren: Unser Nachtlager, ein von hunderten wunderschön geschnitzten, detailreich bemalten Fachwerkhäusern aus dem 16. Jahrhundert.

Frisch und ausgeruht ging es am nächsten Tag nach Solzow. Für mich das erste Mal fahren im Pulk, mit Wolfgangs Pickup im Rückspiegel. Insbesondere beim Durchfahren der kleinen Örtchen mit backsteinernen Häuschen und teils noch Geröllstraßen eine absolute Zeitkapsel!

Mit der flacheren Topographie kam jedoch auch ein unangenehmer Effekt: Lange, gerade Straßen. Und die sind anstrengend. Die geübten Fahrer wissen es schon, doch ich wurde an diesem Tag gelehrt, wie stressig es sein kann, gegen die Rahmdösigkeit anzukämpfen, die auf schier endlosen Geraden entsteht – denn es sind gerade diese Straßen, bei denen tollkühne Motoristen auf die geniale Idee kommen, gleich die gesamte Kolonne aus inzwischen 5 Autos in einem Rutsch zu überholen – und sich, wenn es dann doch nicht klappt, dazwischen zu quetschen und voll in die Eisen zu steigen, um sich wieder auf unsere Reisegeschwindigkeit herabzubegeben.

Geschlaucht und geschafft, nach über 300 nervenaufreibenden Kilometern, erreichten wir Solzow – und fuhren in die „Lange Straße“ ein – die Adresse unserer Unterkunft. Aber Moment, die Straße ist ja noch im Bau – und die Häuser drum herum auch! Wo soll den hier der jahrhundertealte Gutshof liegen? Mit bitterem Geschmack im Mund wurde uns gewahr: Es gibt zwei „lange Straßen“ in in der Gegend. Also Kommando zurück – und nochmals zwanzig Minuten Fahrt obenauf. Dann endlich: Der Gutshof. Ein wunderschönes Anwesen, inklusive großer Einfahrt und Rondell, zum Abstellen von nun insgesamt neun Fahrzeugen.

„So, Feierabend!“ dachte sich wohl auch Alexanders Coupe – denn als wir gebeten wurden, die Fahrzeuge noch einmal umzuparken, verweigerte der weinrote Wagen den Dienst. Das hatte er tags zuvor schon nach einer Pinkelpause getan – aber nun war vollends Hängen im Schacht. Während sich hier das Problem nach ein paar Minuten von selbst beseitigt hatte, schraubten die Sachkundigen nun noch bis in die Dämmerungsstunden – was im Tausch der gesamten Zündanlage endete. Schlussendlich sollte sich Wochen später herausstellen, dass es an einer defekten Zündspule lag.

Die Mühen wurden belohnt – nicht nur von einem laufenden Motor, sondern auch von einem fürstlichen Mahl samt geselligem Abend im Gutshof. Spät wurde es jedoch nicht – bald verabschiedeten sich die Fahrer ins Nachtlager. Die erste Tagesfahrt stand vor der Tür.

In der Umgebung gab es viel zu erkunden. So fanden in den folgenden Tagen Sternfahrten zu Sehenswürdigkeiten statt. Am ersten Tag nahmen wir uns das Schloss Meyenburg mit wunderschönem Schlosspark und einem Modemuseum vor. Nachmittags konnten wir uns dann über Kaffee und Kuchen in unserem Gutshaus Solzow freuen.

Am zweiten Tag sollte unser Ziel das Gutshaus Belitz im Kreis Güstrow sein. Zunächst steuerten wir auf der Strecke aber die Burg Schlitz an, welche sich in privatem Besitz befindet. Auf einem an der Burg gelegen Parkplatz im Gründen legten wir ein ausgiebiges Picknick ein. Zeit für Mensch und Tier zu verschnaufen.

Weiter zum Gutshaus Belitz, einem größeren Anwesen, welches scheinbar in der Zeit um 1910-1020 stehengeblieben war. Fließendes Wasser gab es hier genauso wenig wie elektrisches Licht. Die Luft roch nach Lampenöl und statt einer Heizung standen prunkvolle Kachelöfen in den mit Jugendstiltapete verzierten und antik möblierten Zimmer. Selbst die mechanische Turmuhr mit steinernen Gewichten verrichtete noch ihren Dienst. Aufmerksame Fernsehzuschauer kennen das Haus aus den ARD Fernsendungen “Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus” oder “Abenteuer 1920 – Leben in der Sommerfrische”. Ein gemütliches Beisammen im großen Park des Anwesens bei Kaffee, Kuchen und Holundersaft rundete den Tag ab.

Nach einem sehr schönen Aufenthalt in der Zeitkapsel Gutshaus Belitz ließen wir den Abend wieder in geselliger Runde ausklingen. Erwin, Holger, Dietmar und Wolfgang, bekennende Genussmenschen ließen es sich nicht nehmen ein privates Whisky Tasting zu arrangieren. Silberblick inklusive. Edle Tropfen waren dabei.

Was der Mensch als „alte Zeiten“ bezeichnet, ist jedoch längst nichts, verglichen mit den „Ivenacker Eichen“, die wir tags darauf besichtigten – einem Naturdenkmal mit Dutzenden von Eichen, die auf bis zu tausend Jahre Alter geschätzt werden – so riesig, so knorrig und so üppig, dass sie aus einem Fabelbuch gesprungen zu sein schienen. Durchzogen wurde der Wald von einem Wandelgang in luftigen Höhen, der das Naturerlebnis umso greifbarer machte.

Aus Rücksicht auf die Reisekasse beschlossen einige, das Abendessen im Gutshaus auszulassen und sich beim örtlichen Supermarkt mit Speisen und getränken einzudecken. Wer weder Herd noch Mikrowelle auf dem Zimmer hatte (gemeint sind Paul und meine Wenigkeit) musste kreativ werden: Ein in Alufolie gewickelter Leberkäs lässt sich mit Tüdeldraht schnell auf dem Krümmer des Wagens befestigen – und je nach Position sogar in verschiedenen Stufen braten: Vorn perfekt, mittig angebracht leicht knusprig und hinten Kohle. An einem größeren Behältnis fürs „Manifold Cooking“ wird gearbeitet!

Samstags besuchten wir das Luftfahrtmuseum Rechlin, errichtet auf ehemaligem Militärgelände, sogar mit einigen Oldtimern vor den Hangars geparkt. Anschließend zum Fischbrötchen essen an die Müritz.

Während dieser Tage fiel auf, dass die Straßen, wenn sie auch rau aussahen, doch von sehr guter Qualität waren, ohne allzu dicht befahren zu sein. Diese Tatsache wurde für einige filmische Aufnahmen mit Verfolgerfahrt genutzt – welch einmalige Gelegenheit, die Straßen in die zwanziger Jahre zu verwandeln! Den letzten Abend verbrachten wir bei traumhaftem Wetter im Park des Gutshauses Solzow. Wehmut machte sich breit.

Allzu schnell war die Woche rum – und am Sonntag brach die Runde wieder gen Heimat auf. Die Herausforderung: Eine zweitägige Anreise an einem Tag rückabzuwickeln. Und tatsächlich lief es wie am Schnürchen! Kein Verkehr und keine Ampeln bis Hannover, ab hier auf die Autobahn – und bis auf ein kurzes, auf dem Rastplatz verbrachtes Unwetter (hätte man mal einen Scheibenwischer gehabt) – völlig unterbrechungsfreie Fahrt. Fünfhunderteinunddreißig Kilometer in achteinhalb Stunden, kein schlechter Schnitt! Überhaupt verlief die ganze Tour von technischer Seite weitestgehend glatt.

Erwins Plattfuß möchte ich nicht verheimlichen – genauso wenig wie Christophs kapitalen Motorschaden am letzten Tag. Aber es gab keinen Tag, an dem die Kolonne die Fahrt hätte unterbrechen müssen, um einen Wagen wiederzubeleben – und bis zum Gutshof hatten wir es noch immer geschafft. Die übermäßige Ölleckage meines Wagens ist – genau wie Scheibenwischer und Armaturenbeleuchtung – bereits behoben und ich schaue frohen Mutes in Richtung der nächsten Sommerfernfahrt die uns in den Schwarzwald und ins Elsass führen soll.

Besonderer Dank geht an Alexander und seine Frau Anne für die Organisation der Tour – aber natürlich auch an all die anderen Teilnehmer, die die Sommerfernfahrt umso schöner und unvergesslicher gemacht haben!

Text: Adrian Straub